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klauskonjetzky.over-blog.com

Notizen aus dem Landesinneren 1

 

Schuttberge im Lehel

Im Hof, vor dem zerbombten Hinterhaus, standen Fliederbüsche und wuchsen Maiglöckchen und wunderbare blaue Blumen. Dort hatte ich an manchen Tagen, ich weiß nicht, was das für Tage waren, ein ganz eigenartiges Gefühl. Es war ein Glücksgefühl. Eine selige Zufriedenheit voller Sehnsucht. Es war etwas Vergangenes, das vor mir lag.

Mädchen gab es, die konnte ich nicht anschauen, weil sie so schön waren. Ich hatte nicht gemerkt, dass meine Mutter ins Zimmer gekommen war. Ich saß ganz nah am Radio und hörte: „Und ich frug, wer sie ist, Raffaela hieß sie, und ich hab sie geküsst, ich vergesse sie nie!“

Ich war zu Tode erschrocken, als ich plötzlich meine Mutter vor mir stehen sah. Sie hat mich angeschaut und ist, ohne was zu sagen, wieder aus dem Zimmer gegangen.

„Jahre und Jahre. Eingeschmolzen in Unersättlichkeit“. Schuberts Rosamunde, Sankt Anna Brunnen, das Wispern am Gänseweiher, die dicke Barbara und die grobe Ilse, die rostige Nägel in Blechdosen sammelte und bei einem Alteisenhändler verkaufte. Auf die Schuttberge im Lehel durfte ich nicht steigen, weil da in den offenen Kellern die Mörder saßen. Die grobe Ilse biss den gelben Schuttblumen die Köpfe ab und traute sich mit verstellter Stimme in eines der schwarzen Kellerlöcher hineinzurufen. Für fünf Pfennige würde sie auch hineinfurzen.

Es klang unheimlich, dumpf und hohl, aber niemand kam. Die grobe Ilse

wusste, dass in einem der Keller Wasser stand. Für zehn Pfennige würde

sie nackt ins Wasser steigen.

Vor dem Einschlafen griffen dünne, lange, knochige Spinnenfinger einer Frau nach mir und drückten auf mein Handgelenk und den Ellbogen, oder, was am schlimmsten war, auf mein Kinn. Ich hatte eine falsche Haltung. Die alte Frau roch nach Mottenkugeln und Pfefferminztee. Manchmal, wenn ich die geforderten Sevcik-Übungen nicht angeschaut hatte, habe ich an ihrer Wohnungstür nur ganz kurz geklingelt. Ich versuchte, leise zu klingeln, und wenn sie nicht gleich öffnete, rannte ich weg und erzählte zuhause, die Geigenlehrerin sei nicht da gewesen.

Das Lächeln des Vaters. Er lächelte aus Verlegenheit, weil er am Heiligen

Abend die Mutter umarmt und statt „fröhliche Weihnachten“ „Grüß Gott“ gesagt hatte.

Frau Kulke schaute auf meine abgekauten Fingernägel. Wie sie mich ansah.

Sturz in einen Brunnen. Ich bleibe kopfüber in der trichterförmig immer enger werdenden Röhre stecken. Ich schreie, ich schreie. Ich schreie. Selbst wenn es jemand hörte, er könnte nichts machen. Man müsste alles um den Brunnen herum aufbaggern und den Brunnen abtragen bis zu meinen Füssen. Ich schreie bis die Kopfadern platzen. Der schrecklichste aller Tode. Der Tod im wachen Irrsinn.

Erbseneintopf in der Herrnschule, der Geruch von Erbseneintopf. Der Geruch war unangenehm. Es war mir peinlich. Die Kinder reicher Eltern bekamen keinen Eintopf, die hatten Nusshörnchen und Schinken-semmeln.

Der Rektor gab Tatzen mit einem dünnen Rohrstock. Das tat weh. Danach waren die Finger pelzig. Eduard, der dumme Edi, den alle für dumm hielten, wurde gefragt, wann München gegründet worden sei.

Edi überlegte und sagte: „achtzehnhundertund“. Er überlegte wieder. Einige lachten. Ich lachte auch. Aber ich habe es auch nicht gewusst. Was, wenn das Fräulein mich aufgerufen hätte, weil ich gelacht hatte: „Sag du ihm, wann München gegründet worden ist“. Was hätte ich gesagt?

Mit sieben Jahren, in der zweiten Klasse, mit sieben Jahren, habe ich in die Hose gemacht, weil mich der Lehrer nicht auf die Toilette hatte gehen lassen. Ich hatte gefragt. Zweimal. Das zweite Mal, als es kaum noch ging. Dann bin ich seitlich aus der Bank getreten. Alle haben es gesehen. Mit meiner nassen Trainingshose hat er mich nachhause geschickt. Ich hätte es sagen sollen. Er habe nicht gewusst, dass es so dringend war.

Im Orlando hatten Amis ihre Füße auf dem Tisch. Hinter dem Friedens-engel wohnten Juden. Adenauer sei ein Fuchs, sagte jemand. Und: „Wenn wir den Krieg gewonnen hätten.“

Ich ging als Cowboy in der Trainingshose, die ich nass gemacht hatte. Die Mutter hatte an die Seiten der Hosenbeine Fransen genäht. Ich hatte einen Hut, ein Halstüchlein und eine Wasserpistole, aber ich schämte mich.

Eine Ruine. In der Ruine war jemand. Ich sah niemanden, aber ich spürte, dass da jemand war. Ich ging durch dunkle, hohe verfallene Räume und ich wusste nicht, wo ich war und warum ich durch die Ruine ging, und ich sollte wohin und wusste nicht, wo das war und wie ich je dahin kommen sollte. Das war schlimm.

Ich musste durch ein Tor. Aber dort saß ein schrecklicher Hund.

 

 

 

 

 

 

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