Overblog
Editer la page Suivre ce blog Administration + Créer mon blog
klauskonjetzky.over-blog.com

Notizen aus dem Landesinneren 2

 

Passau

Das Wasser stand bis in den ersten Stock der Häuser an der Donau. Ein Strich an der Rathausfassade zeigt den Hochwasserstand von 1954, wie auch die niedrigeren Überschwemmungen anderer Jahre, aber auch eine noch höhere. Die Stadt war dunkel und roch modrig.

Jetzt ist die Stadt hell und riecht nach Pommes frites. Weil der Kapfinger mit seiner Passauer Neuen Presse schon lange tot ist, weil Passau eine Universitätsstadt geworden ist und weil es einen SPD-Oberbürgermeister hat.

Die Dampfer sind in den Jahren immer größer und länger geworden. Schwimmende Hotels mit Kulturprogramm, Tanzabenden, Konzerten auf und unter Deck und Landgängen in Linz, Wien und Budapest. So kommen Massen in die Stadt, aber das Museum Moderner Kunst habe davon nichts, sagt ein Zuständiger. Hauptsächlich die Lokale und Souvenirstände der Uferpromenade. Und vielleicht der Dom. Weil er die größte Orgel hat, die größte Kirchenorgel der Welt! Elf Meter lang sei die längste Pfeife, hat wer gesagt. Wir haben uns nie lang in Passau aufgehalten, sondern sind meistens bloß vom Zug umgestiegen in den Bus nach Breitenberg.

In der Schule erzählte ich, dass in Passau die größte Orgel der Welt stünde, elf Meter lang. Da staunten sie.

Im Bus wurde mir immer schlecht. Wahrscheinlich vor Aufregung. Bei den beiden Haarnadelkurven auf der engen, steilen Straße von Obernzell an der Donau hinauf nach Untergriesbach musste ich mich am Sitz festhalten. Ich hatte Angst, mich übergeben zu müssen. Wenn der Bus dann die letzten Kilometer von Thalberg bis zur Schuhkapelle fuhr, und ich die Berge des Böhmerwalds sah, war alles wie weggeblasen. An der Haltestelle vor der Kapelle stand der alte Bauer mit einem Schubkarren für unser Gepäck. Mir war zum Weinen und Lachen vor Freude und Glück.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später, mein Gott, ein halbes Jahrhundert später stand ich zusammen mit den „Passauer Saudirndln“ im Scharfrichterhaus und sang Gotthelf Gollner.  “Wennsd nix brauchst, höifanS da olle“.                                          Das dunkle, immer überschwemmte Passau, für mich mehr am Zufluss der Ilz in die Donau als am Inn, hängt in den Gassen und spiegelt sich in blinden Fenstern. Im Museum Moderner Kunst Wörlen präsentierte der Bäcker aus Breitenberg ein Sortiment seiner Backwaren dem Publikum. Die Weintheke stand bereit, der Ober-bürgermeister war da, eine Dame von der Passauer Neuen Presse, der alte Wörlen sagte, wie beeindruckt er sei, die Museumsdirektorin sprach und ich hielt die Eröffnungsrede zu Veras Fotoausstellung „Resonanzen. Fotografische Expeditionen“.

Passau sei eine italienische Stadt, wegen der vielen barocken, bischöflichen Stadthäuser und Paläste. Und die Kirchen. Und die Torbögen, Brunnen und Steintreppen. Im Café im zweigeschossigen großen Einkaufszentrum am Bahnhof sitzen und die Passauer Neue Presse lesen mit ihren rätselhaften Mitteilungen über eine neue Kläranlage, dem 98. Geburtstag einer Bäuerin und dem Besuch des Landrats in einer Molkerei. Leise Musik, warmes Licht, eine wun-derbare Kuchen- und Tortentheke, schön verpackte Süßigkeiten, Pralinen, Kaffeebohnen, Marmeladen, Gebäck in Regalen und Stellagen. Aber jetzt ist das Café geschlossen. Es ist trostlos. Der belebte, bunte Einkaufstempel, mit Brunnen und Rolltreppen, Mosaiken, Musik und Blumendekorationen ist verlassen, weil alle Geschäfte in die „Neue Mitte“ umgezogen sind.  Eigenartig und gruselig: die leeren Geschäfte, die toten Räume, als wären alle vor etwas Schrecklichem geflohen. Wer in Passau ankommt, fährt weiter.

Aber vorne an der Ort-Spitze, „es heißt Ortspitze und nicht Orts-spitze“, weil der Stadtteil dort Ort heißt, dort also, wo der helle Inn und die dunklere Donau zusammenfließen, kommt Passau zu sich. Wie ein Schiffsbug ragt die Landspitze in den auf einmal doppelt so breiten Strom, der Donau heißt, obwohl sich die Farbe des Inns durchsetzt. Passau strömt.

Der Fluss nimmt mich mit durch die Wachau, an Kloster Melk vorbei, nach Linz und weiter in meine Geburtsstadt Wien und über Estergom nach Budapest, der Stadt meines Großvaters, wo König Etzel auf die Ankunft der Nibelungen wartet, die ihm Kriemhild, die Witwe des ermordeten Siegfried bringen würden.

 

 

 

 

Partager cette page
Repost0
Pour être informé des derniers articles, inscrivez vous :