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klauskonjetzky.over-blog.com

Notizen aus dem Landesinneren 3

 

Gollnerberg

Am Ende eines langen Tunnels ist ein kleiner Lichtpunkt. Der geht auf, wird sonnengroß. Eine gleißende, leuchtende Landschaft. Flug über Felder und Wiesen, über Wälder, Berge, Hügel und Täler. Ein paar verstreut liegende Bauernhöfe bei der Ortschaft Breitenberg im Bayrischen Wald an der österreichischen Grenze.

Blick auf die langgezogenen bewaldeten Bergrücken des Böhmerwalds. Ein laues Lüftchen über der Sommerwiese, Lerchengesang, Summen, von einem fernen Bauernhof kommt Hundegebell.

Die Stille. Eine ungeheure Stille, in der ich mich höre.

Es kommt von innen, aus der Tiefe, aus einem warmen Dunkel.

Der Geruch von Heu und Stroh.

Saure Milch, frisch gebackenes Brot, der gescheuerte Holzfußboden.

Ein einstündiger Fußmarsch mit dem alten Bauern vom Hof in Gollnerberg

bis zur Kirche in Breitenberg. Breitenberg, „Die neue Welt“. „D neo Wöd“, das letzte bayrische Kolonisationsgebiet in den gerodeten Wäldern im 17. Jahrhundert.

Das Glück eines leicht bewegten Kornfeldes und die wohlige Zufriedenheit an einem Regentag in der offenen Tür des warmen Kuhstalls. Hühner stehen in Gruppen beieinander und schauen, zwei Katzen schlafen eingerollt in einem Korb, Schwal-ben sitzen auf einem Fensterbrett.

Die meisten Bauern haben ihre Höfe aufgegeben. Manchmal erinnert eine Kreissä-ge an sie, dann und wann beschäftigt ein Traktor die letzten Übriggebliebenen. Auf den kleinen geteerten Landstraßen wird was geliefert und fahren dicke Frauen hin und her. Manchmal überschlägt sich ein Junger.

Sonnenkollektoren und Grassilos. Eine halbe Stunde bis Passau, zwei Stunden bis Prag. Einmal im Jahr wird im Webereimuseum gezeigt, wie hier früher gelebt und gearbeitet wurde.

Gollnerberg. Ein wohliges Gefühl.

Ich hatte Windpocken, das weiße Leinenhemdchen klebte am Körper. Ich spürte es nicht. Ich spürte etwas Warmes, etwas Leuchtendes, und ein beruhigendes Murmeln. Gollnerberg.

Der Wald, der manchmal wie das Meer rauscht.

Und die Kornfelder, über die ein leichter Sommerwind Wellen treibt.

Und der Kuckucksruf und das Schluchzen unsichtbarer Vögel.

Ich springe von der Brücke und fliege über einen dunklen See, der unter mir liegt “regungslos wie eine versteinerte Träne“.

Granittürme, Felsen, Steinplatten. Steinnelken am Waldrand. Ich weinte, wenn wir am Ende der Schulferien von Gollnerberg abfuhren. Ich schämte mich. Wie ich mich schämte. Ich schämte mich vor dem alten Bauern, der uns zur Bushaltestelle an die Schuhkapelle brachte.

Und ich schämte mich vor den Eltern, die enttäuscht waren, oder verärgert, dass ich lieber in Gollnerberg geblieben wäre als zurück nach München zu kommen.

Ich weinte, als wir hintereinander - meine Schwester vorweg, dann ich, dann die Mutter, der Bauer, der einen Schubkarren schob mit unserem Gepäck, zuletzt der Vater - über den schmalen Wiesensteig zur Bushaltestelle gingen und ich wusste, dass die anderen, obwohl sie hinter mir liefen, merkten, wie ich weinte. Meine Schwester drehte sich nicht um, vielleicht weinte sie auch.

Was für eine Erlösung, wenn ich nach der Heimreise mit dem Bus nach Passau und von dort dann mit der Eisenbahn nach München, abends endlich im Bett lag.

Dann weinte ich vor Glück und Unglück.

Gollnerberg. Die Neue Welt, der Finsterbach, Dreisesselberg, Steinernes Meer, Teufelsschüssel, Hochficht, Schöneben, Böhmerwald, der Böhmerwald. Plöckenstein. Der Plöckensteiner See.

Aus Zauberworten wuchs ein Märchenland.

Ich lehne mein Fahrrad an ein Geländer und setze mich an einen der Holztische mit Bänken eines kleinen Rastplatzes. Nach der Brotzeit gehe ich ein paar Schritte am Seeufer entlang und lege mich in die Wiese unter eine große, mächtig ausladende Fichte. Kann sein, dass ich eingeschlafen bin.

Ein steiler Pfad schlängelt sich durch den Wald hinauf zu einer zum See hin fast senkrecht abfallenden Felsenwand, der sogenannten Seewand. Da oben, genau 231 Meter über der Wasserfläche, steht es, das Stifterdenkmal, ein 15 Meter hoher Granitobelisk, von fünf Steinmetzen 1876/77 an einer wahrlich hervorragenden Stelle errichtet.

Niemand, der Stifters Hochwald gelesen hat, kann hier auf der Felsenplattform unterhalb des Plöckensteingipfels stehen, über den tief unten liegenden See, die Wälder und Bergkuppen schauen, ohne dabei an Klarissa und Johanna denken zu müssen.

Unwillkürlich suchen die Augen am Horizont den kleinen Würfel, als der die knapp dreißig Kilometer entfernt liegende Burgruine Wittinghausen zu sehen sein müsste, wäre sie nicht längt von Bäumen überwachsen, gleichsam im Wald versunken.

Wie eine wehmütige Erinnerung tauchen Bilder auf: die beiden Schwestern, die von ihrem Holzhaus unten am See, wohin sie ihr Vater vor der drohenden Gefahr der Schweden im Dreißigjährigen Krieg in Sicherheit gebracht hatte, hinaufsteigen auf den Plöckenstein. Der alte liebe Gregor, ihr Beschützer, der ihnen dort oben mit einem Fernrohr die väterliche Burg Wittinghausen zeigt.

Ronald, der schöne schwedische Jüngling, an den Klarissa vor Jahren ihr Herz verloren hatte. Die Begegnung der beiden in der Waldwildnis des Plöckensteiner Sees, bei der sie sich ihre Liebe offenbaren. Jener schreckliche Tag, an dem im Rund des Fernglases die niedergebrannte Burg zu sehen ist. Die schmerzliche Entdeckung, dass der geliebte Ronald, der die Burg hatte retten wollen, durch ein tragisches Missverständnis an der Zerstörung von Wittinghausen durch die Schweden mitschuldig geworden war. Die lange Zeit, die Klarissa später mit ihrer Schwester in der nur notdürftig instandgesetzten Burg einsam weiterlebte in lebenslanger Trauer und Treue zum toten Geliebten.

Schließlich das lautlose, aber auch schmerzlose Vergehen der beiden Schwestern in die Vergangenheit.

Vom Plöckenstein oben kommt eine Familie mit drei Kindern herunter und belagert den Obelisken. Und von unten vom See kommen immer wieder Wanderer herauf, gehen um den Obelisken herum, lesen laut die Inschrift, treten vor auf die kleine Felsenplattform mit dem Geländer und deuten hinaus in die Ferne. Einer muss sich vor das Denkmal stellen, der andere fotografiert. Ich gehe hundert Meter am steil abfallenden Waldrand entlang und setze mich, vom Obelisken aus nicht zu sehen, auf einen Felsenblock und lese. „Ein Gefühl der tiefsten Einsamkeit überkam mich jedesmal unbesieglich so oft und gern ich zu dem märchenhaften See hinaufstieg. Da in diesem Becken buchstäblich nie ein Wind weht, so ruht das Wasser unbeweglich, und der Wald und die grauen Felsen, und der Himmel schauen aus seiner Tiefe heraus, wie aus einem ungeheuern schwarzen Glasspiegel.

Oft entstieg mir ein und der selbe Gedanke, wenn ich an diesen Gestaden saß: als sei es ein unheimlich Naturauge, das mich hier ansehe, tief schwarz, überragt von der Stirne und Braue der Felsen, gesäumt von der Wimper dunkler Tannen, drinn das Waser regungslos wie eine versteinerte Thräne.“

Am späten Nachmittag, die Schatten sind bereits in den See hineingewachsen, wird es ruhig um den Plöckensteiner See.

Alle, ob zu Fuß oder mit dem Fahrrad, haben ja noch zwei, drei Stunden, oder auch mehr vor sich, um wieder zu ihren Auto hinüber zum Dreisesselberg zu kommen, oder zum Hochficht, oder hinunter in Richtung Moldau nach Nova Pec.

Eine leichte Kühle steigt aus den Wäldern herauf. Ich lege mir einen Pulli über die Schultern, nehme den Rucksack in die Hand und gehe zurück zum Stifterdenkmal. Da ist niemand mehr. Eine erste Ahnung von Dämmerung liegt über den Wäldern.

Ich hole mein Fernglas aus dem Rucksack. Waldwelle auf Waldwelle bis zum dun-stigen flimmernden Horizont. Weit draußen blitzt das Wasser des Moldaustausees. Unten am See kann ich mein Fahrrad stehen sehen. Zwei Menschen verschwinden auf dem Weg im Wald. Der Pfiff eines Bussards.

Ich drehe mich um, gehe die paar Schritte zum Granitobelisken: “Lieg in hohes Gras gestreckt – schaue sehnend nach der Felsenwand. – Auf diesem Anger, an diesem Wasser – ist der Herzschlag des Waldes“ steht da in Stein gemeißelt. Ich stelle den Rucksack auf den Granitsockel, gehe auf die hintere, dem Wald zugewandte Seite und erschrecke zu Tode. Da sitzt wer. Eine Frau. Ein Mädchen.

„Habe ich Sie erschreckt?“ fragt sie und fährt sich mit der linken Hand durch ihr schulterlanges, schwarzes Haar.

„Nein. Ja“, sage ich, „ich habe Sie vorhin gar nicht hier sitzen sehen. Sind Sie schon lange hier?“

„Ja“, sagt sie, „ich habe Sie kommen sehen.“

„Merkwürdig“, sage ich. „Vielleicht sind Sie eine Waldfee“.

Sie lächelt. „Nein, leider nicht“.

„Oder eine Hexe aus einer der Felsengrotten?“

„Schon eher“, sagt sie und lacht, aber auch nicht. Und auch keine der wilden Frauen aus dem See, die würden nicht so weit heraufkommen.“

„Dann bin ich ja beruhigt“, sage ich und schaue ihr zu, wie sie die Haare hinten zusammenknotet.

„Wo müssen Sie denn noch hin, es ist ja schon ziemlich spät?“

„Nirgends“, sagt sie, „ich bleibe heute hier“.

„Hier? Im Wald, am See? Sie wollen hier übernachten?“

„Ja, ich habe mich da unten, was ja eigentlich verboten ist, am hinteren Bergufer des Sees einquartiert. Sie wissen ja sicher, dort, wo das Blockhaus von Klarissa und Johanna gestanden hat.“

„Ja, und haben Sie da gar keine Angst? So alleine im Wald?“

„Doch, vielleicht schon ein bisschen, ich weiß nicht. Aber ich wollte das immer einmal machen. Und jetzt mache ich es eben. Außerdem bin ich nicht allein. Wir sind zu dritt. Ein Studienkollege und meine jüngere Schwester.“

„Glauben sie die Geschichte mit Klarissa und Johanna?“ frage ich“.

„Und Sie?", fragt sie zurück. Und nach einer Pause: “Ich sitze an einer Magisterarbeit über den Hochwald. Darf ich einmal durch ihr Fernglas schauen?“

„Natürlich.“

Sie steht auf. Wir gehen zusammen vor zur Aussichtsplattform.

„Suchen Sie die Burg“

„Ja“, sagt sie, „aber ich weiß, dass sie nicht mehr zu sehen ist. Dort müsste sie sein.“ Sie deutet mit der Hand hinaus.

Ich sehe sie von der Seite an, wie sie die Ellbogen auf dem Geländer aufstützt und durchs Fernglas schaut. Sie wirkt blass.

Auf einmal ist es als seufze sie leise.

Das Mädchen dreht an der Stellschraube des Fernglases.

„Abenteuerliche Rücken und Linien und Vorsprünge gingen wie Träume durch das Glas, dann farbige Blitze, dann Blau und Blau und Blau. Plötzlich ein schwacher Schrei, zitternd im Runde des wunderbaren Glases stand das ganze Vaterhaus, klein und zart, wie gemalt, aber zum Staunen erkennbar an Mauern, Erkern,

Dächern, ja die Fenster meinte man durchaus sehen zu müssen.“

„Waren Sie schon mal dort, auf der Burg?“ fragt sie.

„Ja, vor zwei Tagen, zum ersten Mal.“

Sie wolle jetzt runter zum See, die anderen würden sicher schon warten. „Wir müssen noch unsere Zelte aufbauen“, sagt sie. „Hoffentlich entdeckt uns niemand.“

Ich begleite sie den schmalen Waldsteig hinunter. Sie geht vor mir.

Eine Zeitlang reden wir nichts. An einer Wegekrümmung bleibt sie stehen und schaut auf den durch die Baumstämme leuchtenden See.

„Ein schmerzlich schönes Licht“, sagt sie und lächelt.

Wir stehen und schauen.

„Hier irgendwo wird es gewesen sein, wo Klarissa Ronalds Gesang gehört hat", sage ich. „Es war einmal ein König, er trug ne goldne Kron.“

Sie dreht den Kopf zu mir und sieht mich mit ihren dunklen Augen ganz merkwürdig und fremd an.

„Nein, hier war es nicht“, sagt sie mit leiser Stimme, „dort unten, wo das Haus stand, war es. Können Sie es ganz?“

„Es war einmal ein König, er trug ne goldne Kron. Der mordete im Walde sein Lieb und ging davon.“

„Wie es weiter geht, weiß ich jetzt auch nicht“, sagt sie.

Wir gingen den Pfad weiter hinunter zum See.

„Ich sollte vielleicht mein Fahrrad irgendwo anders hinstellen.

Wenn einer vom Nationalpark kommt, oder ein Naturschutzwächter und das Fahrrad sieht, wird er jemanden suchen.“

„Ja, das ist sicher besser“, meint sie. „Sie können es ja ein Stück mit hinter in den Wald nehmen. Aber müssen Sie denn nicht zurück?“

Doch, schon, aber ich würde gerne noch mit bis zu der Stelle gehen, wo das Haus gestanden haben müsste.“

„Sie wissen schon, dass es eine erfundene Geschichte ist“.

Sie lacht. „Ja, ich weiß.“

Ich schiebe mein Fahrrad hinter ihr her auf einem Trampelpfad, der über Felsen und Gräben durch den dichten, wüsten Wald am Seeufer entlangführt.

Bei einem umgestürzten Baum, der quer über dem Pfad liegt, lasse ich mein Fahrrad stehen. „Bis hierher wird wohl jetzt keiner mehr kommen“, sage ich.

„Außerdem ist es ja verboten, die gekennzeichneten Wege zu verlassen“, meint sie lächelnd.

„Klarisssa, Johanna und die anderen sind mit dem Floß über den See gefahren. Da, schauen Sie, der Vogel.“

Drüben, bei der Seewand, hoch über dem Obelisken, kreist ein Geier. „Geier gibt es hier keine mehr“, sagt sie. „Aber Stifter hat oft von Geiern gesprochen.“

Sie geht vor mir her durch den schon dämmrigen Wald.

Wieder zerreißt der Pfiff eines Raubvogels die Stille. Kein Lüftchen regt ich. Der Pfad verschwindet an einer Stelle in kniehohen Stauden und einem Ästegewirr.

Sie dreht sich um und hält mir die Hand hin. Ich nehme ihre Hand und lasse sie nicht mehr los.

„O Klarissa, warme, dunkle Blume, wie neigt sich dir mein Herz!

Ich weiß nicht, geht von dir dieser Zauber der Verwandlung aus oder von dem Walde.“

Ein Geräusch hatte mich geweckt. Stockfinstere Nacht. Auch dort, wo die drei Fenster sein mussten, war nicht der geringste Lichtschein zu sehen.

Vielleicht war eine der Katzen unter dem Dach auf die Holzbretter der Zimmerdecke gesprungen.

Wie still es war. Dann knackste es in der Holzwand mit der Tür, was die Stille noch unfasslicher machte.

Die Mutter, der Vater, die Schwester. Wo waren sie? Waren sie auch im Raum? Ich weiß es nicht.

Von weither kam ein leises, dumpfes, weiches Klopfen. Mein Herz.

Es roch so wunderbar nach dem frisch bezogenen, prall gefüllten Federbett, nach Holz und Stroh und Heu, nach Leinen und Brot.

Morgen würde ich barfuß mit den Bauern aufs Feld gehen und in den Stall und in der Scheune Hühnereier suchen und auf den Kirschbaum steigen und die Ochsen führen, die den Heuwagen ziehen, und mit dem alten Bauern abends im Backhaus die Karbidlampen füllen und anzünden.

 

 

 

 

 

 

 

 

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