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klauskonjetzky.over-blog.com

Notizen aus dem Landesinneren 6

 

Jagdhütte in Oberammergau

Ein blind machendes Geräusch. Die Düsenjäger flogen unterhalb der Hütte durch das ansteigende Tal zwischen Laber und Aufacker hinaus ins Murnauer Moos. Merkwürdig. Man konnte auf die Flugzeuge runterschauen. Man hörte sie nicht kommen. Sie schossen aus dem Ammertal, gefolgt von einem ohrenbetäubenden, blind machenden Lärm. Man hätte sich auf den Boden schmeißen mögen und schreien. Bestimmt gab es Proteste der Bevölkerung. Aber das half nichts. Die Düsenjäger verteidigten unsere Freiheit oder was. Und dann war doch eines Tages Schluss.

Die Jagdhütte in Oberammergau. Ein halbes Jahr war ich dort oben. Alaska. Eingeschneit, ohne Strom, ohne Telefon, eine halbe Stunde Schnee schaufeln bis zum Brunnen vor der Hütte, eine Stunde bis zum Klohäuschen am Waldrand.

Im Sommer war ich in einer Stunde unten im Dorf. Im Winter aber war ich mit Skiern vier Stunden unterwegs, durch Hohlwege, in denen ich bis zum Bauchnabel im Schnee versank, über eine Alm, auf der ich im konturenlosen Weiß die Orientierung verlor, über einen schmalen Serpentinensteig, der wegen der engen, tiefen, da und dort mannshoch vom Schnee zugewehten Kurven nicht zu passieren war, ohne sich die Skier zu brechen.

Ich hatte noch zwei Schachteln Zigaretten, aber die Vorstellung, das Wetter würde umschlagen und ich könnte mir dann bis auf weiteres keine neuen Zigaretten im Ort holen, ließ mich früh um neun aufbrechen. Meiner Schwester und dem Schwager im Hotel „Alte Post“ sagte ich, ich hätte, weil das Wetter so schön war, mal eine kleine Tour machen wollen. Der Schwager meinte, ich sollte nicht später als halb zwei Uhr wieder zurück zur Hütte gehen, weil das bei dem Schnee etwas beschwerlich wäre und ich nicht in die Dunkelheit kommen sollte.

Toni, mein Schwager, Pächter der Oberammergauer Jagd, zu der auch die Jagdhütte gehörte, hatte mich Anfang November mit seinem „Haflinger“, mit dem er auch auf steilen kleinen Bergwegen fahren konnte und auf den er auch einen geschossenen Hirsch legen konnte, zur Hütte gebracht. Karin, meine Schwester, hatte mir aus dem Magazin des Hotels Lebensmittel mitgegeben: Nudeln, Reis, Kartoffeln, Brot, Gemüse, Butter, Käse, Marmeladen, H-Milch, Würste.

Bier, Wein und Limonaden und allerhand Dosen und haltbare Essensvorräte seien ohnehin in der Hütte.

Ich wollte ein paar Geschichten schreiben.

Die ersten zwei Wochen schrieb ich nichts. Ich richtete mich ein, ging in der Hütte hin und her und außen um die Hütte herum.

Der kleine Raum, in dem ich schlief, neben dem größeren „Wohnzimmer“, hatte ein Fenster zur Hangseite und war auch tagsüber stockdunkel. Ich tapezierte die Holzwände mit Schreibmaschinenpapier, das ich Blatt für Blatt mit Tesafilm an den Wänden und der Decke fixierte. Bestimmt dreihundert Blatt. Das dauerte zwei Tage. Nachts hörte ich die Mäuse in den Wänden und unter dem Dach. Einmal war jemand auf dem Dach. Ich hörte die Schritte, lag im Bett und wagte kaum zu atmen. Es war jemand auf dem Dach. Ich hatte Schritte gehört. Sollte ich rausgehen ins Stockfinstere, mit einem Küchenmesser bewaffnet und rufen: Kommen Sie runter. Hände hoch?

Ich horchte. Nichts. Einmal war mir, als hörte ich ein leises Flüstern. Ich blieb regungslos liegen und wartete. Es war nichts mehr zu hören. Aber schlafen konnte ich auch nicht.

Nach etwa zwei Wochen hatte ich mich in der Hütte eingelebt, hatte einen festen Tagesplan mit Einheizen, Asche ausleeren, Frühstücken, Kochen, Essen, Schneeschaufeln, Abwaschen, Aufräumen, Holz holen, zwei Stunden schreiben am Vormittag, drei am Nachmittag, oder jedenfalls am Tisch an der Schreibmaschine sitzen. Oft war der erste Satz das Problem. Ich schaute zum Fenster raus, über das Leinetal hinüber auf den Laber.

Oft zog dann der erste Satz andere nach sich. Dann und wann versank ich in der Geschichte. Wenn es dunkel wurde am Nachmittag, überkam mich manchmal ein eigenartiges Gefühl, eine merkwürdige Stimmung. Ich hatte den Eindruck, die Nacht kam nicht einfach, sondern sie stieg auf von unten, aus dem Tal. Es war, als würde ich versinken. Die Dunkelheit kam langsam wie die Flut am Meer. Ich verspürte eine diffuse Unruhe und zugleich so etwas wie Zufriedenheit. Kühle und Wärme. Ich zog die Vorhänge zu und zündete die große Petroleum-Hängelampe über dem Tisch an.

Wer oder was da auf dem Dach gewesen ist, war geklärt. Von der großen Tanne, deren mächtige Zweige über den hinteren Teil der Hütte hingen, waren Tannenzapfen gefallen und über das Blechdach heruntergerollt. Und was wie ein Flüstern geklungen hatte, waren Zweige, die im Wind das Dach berührten.

Versinken in der singenden Wärme des Ofens.

 

 

 

 

 

 

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