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klauskonjetzky.over-blog.com

Notizen aus dem Landesinneren 7

 

Prerower Allerlei

 

In allem Niegesehenen liegt ein Schongeschautes.

Du kannst hinkommen, wohin du willst, auch dorthin, wo du noch nie gewesen bist, immer siehst du schon Gesehenes, immer bringst du etwas mit und siehst: die oberbayrischen Osterseen in der Mecklenburgischen Seenplatte, die Enten und Schwäne am Kleinhesseloher See in den Schwänen und Enten im Prerower Bodden, die dicke Frau an der Rezeption eines kleinen Hotels in Paris in der dicken Frau an der Rezeption der Ostseeklinik, den von einem heißen Lavastrom geflochtenen Zopf am Vulkan auf La Réunion in dem vom Wind getriebenen Sandfächer am Ostseestrand, das Rauschen an den Klippen von Sardinien im Rauschen der Kiefern im Kur-Park, den Moai auf der Osterinsel im Strandkorb vor den Ostsee-Dünen, die böhmische Dorfkirche im Leuchtturm von Darß – Zingst, den Stillen Ozean in der Ostsee…

 

Leibesfülle und intellektuelle Schlankheit!

Alles ist nicht nur, sondern hat ein Aussehen. Das braucht aushalten. Dicke Leute, sehr dicke. Die Frauen: klein, rund, kurze Haare auf kleinen Kugelköpfen, Bäuche, Brüste-Berge, baumstämmige Beine. Sie stehen breitbeinig und gehen breitbeinig, weil sie die fetten, mächtigen Oberschenkel nicht zusammenbringen. Also laufen sie wie Enten: wackelnd, watschelnd.

Die Männer mit vorspringenden Kugelbäuchen, Fettsäcke.

Trotz heftigen Bemühens um Toleranz und großer Anstrengung um Menschenfreundlichkeit ist die mecklenburgische Reha-Gesellschaft eine ähnliche ästhetische Zumutung wie die deutsch-russische Promenaden-Gesellschaft in Marienbad. Die ungeheuren Ärscher sind ungeheure Ärscher. Fässer, aus denen unten zwei Elefantenbeine rausschauen, wandelnde Leberwürste, schaukelnde Legginträgerinnen im 14. Monat, Bürdenträger auf dem Weg zur Notschlachtung. Auf den Eisbeinwülsten des Leibes ruhen Milchsäcke und drücken zu Boden. Manchmal kommt aus der dunklen Öffnung unter der Nase ein hinkendes Satzungeheuer. Es klingt wie: “Da hätte es zwei für drei Euro gegeben!“

Die Reha-Klinik in Prerow offenbart optisch und akustisch den Zusammenhang von fleischlichem Übergewicht und geistiger Mangelernährung. Bauch, Hintern und Beine verraten das Kulturverständnis und geben Auskunft darüber, ob Gartenzwerge am oberen Rand des Kulturbedürfnisses stehen.

Unbildung ist kalorienreich. Unbildung leugnet den Klimawandel. Unbildung unterscheidet zwischen guten und schlechten Flüchtlingen, also zwischen einigen wenigen „richtigen“ Flüchtlingen und der Masse von „Faulpelzen“, die es sich in unseren sozialen Sicherheitsnetzen bequem machen wollen wie in einer Hollywoodschaukel, muslimische Kriminelle, Extremisten und Vergewaltiger.

 

Trampelpfade im Reha-Labyrinth

Einer pfeift immer im Wartebereich vor den Anwendungen. Manche reden als hätten sie noch einen ganzen Sack voll Wörter auszuleeren. Wahrscheinlich erleichtert sie das Reden. Manche schweigen finster und böse.

Ich höre von Schwiegertöchtern und Enkelkindern, von Zeltplätzen in Italien und von Kücheneinrichtungen, von den Preisen von Waschmitteln und Klopapier bei Lidl und bei Edeka. Ich höre, dass am Sonntag der Sommer vorbei sei, dass aber die Kraniche heuer nicht deshalb so früh in den Bodden kämen, weil sie schon auf dem Weg nach Süden seien, sondern weil sie Wasser suchten, weil es dort, wo sie herkämen, zu trocken sei. Ich höre von Darmblutungen, von gut verheirateten Töchtern und von Söhnen, die Glück gehabt haben. Oder Unglück. Alles ist klar und unbegreiflich. Sind das Auskünfte über das Leben anderer? Ist das, was ich hier höre, anderswo anders? Die Rehaklinik schafft einen Zusammenhang zwischen den Menschen, den sie nicht haben, erzeugt eine Gemeinsamkeit, die es nicht gibt. Hier ist niemand der, der er ist. Die meisten tun so als wäre nichts. Die sind gut drauf. Die sind lustig und lachen. Manchen von denen sitzt der Tod auf den Schultern. Viele nehmen zu, manche nehmen ab. Manche schlafen gut, andere schlafen schlecht.

Und ich? Bin ich in meiner Geschichte, in meiner Krankengeschichte, oder bin ich in der Geschichte Anderer?

Manchmal habe ich das Gefühl, manchmal die Gewissheit, ich könnte aus der Geschichte, welcher auch immer, einfach austreten.

Eine kleine Körperdrehung und schon hat alles eine andere Richtung.

Die „unheilbare“ COPD bleibt links liegen. Eine kleine Bewegung in der Halswirbelsäule und das Essen schmeckt gut, der überhitzte Raum ist wohltemperiert, das Gebläse im Bad angenehm, das Pflegepersonal ist freundlich, die Ärzte zugewandte und kompetent, die Leute höflich.

Der Blickwinkel, die Entfernung vom Wahrgenommenen verändert die Wahrnehmung und das Wahrgenommene. Die hübschen Blümchen auf den Tischen des Speisesaals und der Cafeteria sind aus Plastik. Alles ist aus der Nähe betrachtet aus Plastik. Die Freundlichkeit vieler Menschen ist aus Plastik. Ihre Unfreundlichkeit und Aggression ist aus Plastik.

Welchen Abstand muss ich haben, um zu erkennen, ob etwas aus Plastik ist? Wie nah muss ich mir kommen, um meine Gesundheit oder meine Krankheit zu erkennen? Gesundheit und Krankheit sind keine Tatbestände, keine objektiven Gegebenheiten, die nur erkannt werden müssen.

Eine Frage der Perspektive. Mit der Perspektive verändert sich das Bezugssystem, mit dem Bezugssystem die Zusammenhänge.

Etwas Diffuses in mir widersetzt sich der Teilung in Gesundheit und Krankheit. Die Empfindung von Schmerzen legt diese Teilung nahe. Was weh tut, ist Krankheit.

Aber auch Schmerzen sind kein Tatbestand, keine objektive Tatsache. Schmerzen sind nicht einfach da und ich habe sie wahrzunehmen. Schmerzen gibt es nur, wenn und weil ich sie wahrnehme.

Der lange Schatten des Schmerzes ist die Angst. Ohne Angst ist der Schmerz eine Steigerung des Bewusstseins. Der Schmerz ist das provozierte Leben.

Mir fehlen Sätze. Mir fehlen Sätze, in die ich mich zurückziehen könnte, Sätze, in denen ich mich bewegen könnte, Sätze, die mich schützen, die mich gesund machen.

Vielleicht ist es so, dass ich die Sätze habe, aber nicht weiß, dass ich sie habe, vergleichbar einer Aussage vom Onkologen Professor Molls, der in einer Sendung von mir meinte, er könne sich vorstellen, dass wir noch andere Sinnesorgane haben, wir sie aber nicht, noch nicht? erkennen können, weil wir nicht wissen, was wir überhaupt wahrnehmen.

Vielleicht also nimmt das Becken magnetische Felder wahr, vielleicht die Lunge Radioaktivität, oder Strahlungen, von deren Existenz wir noch gar nichts wissen, vielleicht ist der Darm ein Sinnesorgan, das den Luftdruck registriert. Könnte sein, dass wir in achtzig Jahren von den 12 Sinnen des Menschen sprechen.     

Rehabilitation findet nicht am Ergometer, im Schwimmbad, oder auf der Blutanalysestation statt, sondern im Kopf. Nur das unterscheidet mich von einem Gerät. Ich denke, dass es in einhundert Jahren keinen digitalen Unterschied mehr gibt zwischen einem Rasierapparat und dem, der ihn benutzt.

Wieder ist es etwas Diffuses in mir, das nicht will, dass ich wiederhergestellt werde, das nicht will, dass ich zurückgeführt werde. Ich bewege mich nicht zurück in einen Zustand, in dem ich war, bevor COPD diagnostiziert wurde, sondern ich bewege mich nach vorne, weg von dem, was als meine Krankheit bezeichnet wurde.

Dazu passt, dass die Ärzte gerne und schnell sagen: “COPD ist nicht heilbar“.

Nach allem, was man derzeit dazu weiß, stimmt das und stimmt doch auch nicht. Ein abgehackter Finger ist nicht heilbar. Aber…!

Tief in mir, nah an dem Diffusen, wächst dieses „Aber“. Es nimmt Gestalt an.

Denkbar, dass der Mensch Krankheiten hat, von denen er gar nicht weiß, dass er sie hat, und von denen die Medizin nicht weiß, dass es sie gibt.

Acht Stunden Schlaf am Stück ist zufriedenstellend, aber vielleicht das Symptom einer Krankheit, die sich bei acht Stunden und fünfzehn Minuten anders zeigt, als bei sieben Stunden und fünfundvierzig Minuten.

Vielleicht also gibt es Krankheiten, die der Mensch positiv wahrnimmt, das heißt, gar nicht wahrnimmt.

Überall in einer gewissen Tiefe im Erdreich steht das Grundwasser. An irgendeiner Stelle dringt es nach oben und tritt als Quelle zutage. Was bedeutet das? Ist die Quelle ein Defekt des Grundwassers? Ist das stehende Grundwasser ein Defekt der Quelle?

Was ist los, bis ein Zustand als Krankheit wahrnehmbar wird? Verändert sich der Zustand, oder ändert sich die Perspektive? Und verändert die Perspektive den Zustand? Meine Krankheit behindert und verhindert z.B. Langlauf, aber verhindert nicht, begünstigt vielleicht sogar das Schreiben.

Ich befinde mich in einem Zustand, in dem ich sagen kann: Es geht mir besser, also gut. Oder: Es geht mir schlechter, also schlecht.

Sind die im Röntgenbild, im Ultraschall, oder sonst irgendwie sichtbar machenden körperlichen Defekte eine nicht zu leugnende Tatsache? Ist solch eine Tatsache begründet in der Abweichung von der Norm? Macht der Schmerz die Abweichung zur behandelbaren Krankheit?

Ein gebrochener Knochen ist ein gebrochener Knochen. Ein Satz mit einem Ausrufezeichen? Oder mit einem Fragezeichen!

Was aber sind die bei einem Lungenfunktionstest gemessenen fünfzig, oder vierzig, oder dreißig Prozent des optimalen Atemvolumens? Ist es eine gute Orientierung, zu wissen, null Prozent ist der Tod? Das ist so viel wert wie die Feststellung: fünfundvierzig Grad Körpertemperatur, oder ein Blutdruck von zweihundertachtzig zu irgendwas, sind lebensfeindlich.

„Wann habe ich ein ungesundes Übergewicht ohne Waage?

Denkbar, dass ein positiver Reha-Effekt eine Placebo-Wirkung ist, d.h., die Reha wirkt bei dem, der glaubt, dass sie wirkt.

Ich bewirke mich, indem ich mich feststelle, behaupte, wahrnehme und zur Sprache bringe. Ich rede mir die Bronchien frei, schreibe mir Luft in die kleinsten Lungenverästelungen, singe mir Sauerstoff in die Muskeln und trommele aufs Zwerchfell: Die Verwandlung von COPD als einer organischen, körperlichen Krankheit zu einem psychosomatischen Problem, zu einer ästhetischen Frage. Die ästhetische Frage ist die Antwort.

Es gibt Sätze, in denen bin ich frei, beschwerdefrei. Aber wie entsteht so ein Satz? Wo kommt er her? Woran erkenne ich ihn?

Es gibt Sätze, die wirken wie ein Spray, wie es ja auch Wörter gibt, die einem die Luft nehmen. Und Sätze, die um den Verstand bringen, ums Leben. Geredete Sätze können eine Folter sein, geschriebene Sätze weniger. Gegen Geschriebenes lässt sich Widerstand leisten. Gegen Geredetes läuft man ins Leere, oder gegen eine Wand. Ein geschriebener Satz ist eine Behausung, ein Haus mit verschiedenen Zimmern.

Schweigen – Reden – Schreiben. Ein Bermuda-Dreieck. Irgendwo dort ist das Leben untergegangen, unauffindbar. Oder es ist unauffindbar, weil es nicht untergegangen ist, sondern fröhlich anderswo segelt.

Natürlich gibt es auch ein Schreiben, das wie Reden ist. Natürlich gibt es auch ein Schweigen, das wie Reden ist.

 

 

 

 

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