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klauskonjetzky.over-blog.com

Notizen aus dem Landesinneren 8

 

 

Peterchens Mondfahrt

 

Sonntag. Sonntagnachmittag, wenn es regnet. Das Glück von Regentagen. „Ich mag Scheißwetter. Am liebsten hör ich dann Zigeunerweisen von Sarasate“. Hör ich die Zigeunerweisen, bin ich daheim.

Oder Ases Tod. Ases Tod an den endlosen Sonntagsnachmittagen in der Kaserne in Weingarten. Blick aus dem Fenster ins regenverhangene Grau. Das war ein Schmerz, ein süßer Schmerz war das.

Später: Mozarts Klarinettenkonzert. Der langsame Satz. So wollte ich sterben.

Ich stürzte und bekam einen dicken, Blut unterlaufenen Knöchel beim Abstieg zur Moldau an der Teufelsmauer, wo das Kamerateam Flussimpressionen für meinen Stifter-Film drehte.

Es ist ein Strömen und Rauschen. Ein Rauschen im Ohr.

Der Weg über das Lavafeld des Vulkans auf La Réunion. Wie gestrickt oder gehäkelt wirkende Lavabänder. Anna macht einen Handstand auf dem erstarrten Gestein. Ich habe eine Beunruhigung in den Beinen. Wenn ich die Augen schließe, spüre ich ein leichtes Vibrieren.

Was für eine Explosion, als ich in Justus von Liebigs Hörsaal, in Anwesenheit des Königs und vieler Damen und Herren der Gesellschaft, eine Sektflasche mit einem Hammer zertrümmerte und einem Besteckkasten fallen ließ. Sprecher und Techniker im Studio verfielen in euphorische Panik. Eine wunderbare Explosion.

Laura spielt Chopin so schön und herzzerreißend wie niemand sonst auf der Welt. Zu meinem Vortrag über Zigeunermusik, ein Angebot der Stadt in den Schulferien für die Hiergebliebenen, war nicht ein einziger Mensch erschienen. Ich könnte wohl wieder heim gehen, sagte der Hausmeister oder wer.

Bei der Geburtstagsfeier eines Mädchens vom Kinderchor der Bayerischen Staatsoper, war in einem der Krapfen Senf statt Marmelade. Alle Krapfen wurden gegessen, niemand spuckte einen Bissen aus. Die jüngere Schwester von dem Geburtstagsmädchen, hatte immer so merkwürdig geschaut, weil sie eingeweiht war. Ich aber, der ich sie liebte, dachte, es sei meinetwegen.

Manchmal hat meine Schwester mit einer furchtbar monotonen fremden Stimme gesagt: „Die Mutti kommt nie mehr zurück! Nie, nie mehr!“ Da stiegen mir die Tränen hoch. Das sah die Schwester und sang mit unheimlicher Stimme: “Mu-ti, Ma-ma! Mu-ti, Ma-ma!“ Ich versank. Der Schwester tat es leid. Sie sagte: „Ist doch nicht wahr“.

Sonntag, Radausflüge in die Erdbeerheide. Es gab kleine Käseecken und Semmeln und Lindenblütentee in einer Thermosflasche. Am Sonntag durfte ich nicht auf die Straße zum Spielen, zu denen, die auf die Straße durften. Die das durften, waren kein Umgang für mich.

Ich hatte Angst, ich hatte entsetzliche Angst vor den knochigen Fäusten, die mir ein Mitschüler vor die Nase hielt. Ich war verloren. Aber plötzlich wendete er sich ab und sagte, er hätte gegen mich ja sowieso keine Chance. Ich war kein Feigling, sondern der Held der Klasse.

Wie ich mich ekelte vor dem Spuckefaden zwischen den Lippen des Geschichtslehrers und wie ich weinte, als meine Mutter, die einen Brief in der Hand hielt, weinte. Erst vierzig Jahre später habe ich erfahren, was in dem Brief gestanden hat. „Der Opa ist tot!“

Der steinreiche, elegante ungarische Großkaufmann. Er liegt in der Wildnis eines endlosen Budapester Friedhofes, über den startende und landende Flugzeuge fliegen.

Und der andere, der arme schlesische Großvater auf der Oderbrücke in Breslau, ohne Ankündigung und Vorbereitung einen einarmigen Handstand auf dem Gelände der Brücke machend. Die Leute, die das sahen, schrien. Der Großvater drehte einarmig ab und ging weiter als wäre nichts gewesen.

Wir haben uns im schottischen Hochland, das kalt und wüst wie der Mond war, verlaufen. Es war eine wunderbare Rettung mit einem heißen Fußbad, Toastbrot mit Schinken und frisch bezogenen Federbetten. Die Frau, die in einem kleinen Häuschen am Waldrand wohnte, meinte, es wären schon viele im Hochland verunglückt. Manche seien nie gefunden worden.

Der Blick auf die ruhig schlafende Mutter, die schon tot war.

Sie hat sich beim Einkaufen im Kramerladen gegenüber immer Sanellabilder für mich geben lassen. Zwei Alben habe ich voll bekommen: Afrika und Südamerika.

Der Vater lag im Bett in Grafenaschau. Ich erkannte ihn nicht wieder. Er war so klein. Wie klein er war. Er schnarchte, er röchelte. Dann war er tot.

Ein kleines Metallgefäß wurde auf dem Friedhof in ein großes ausge-schaufeltes Loch hinabgelassen. Die Asche in der Urne war mein Vater. Vielleicht war es auch ein Hund, den der Fahrer des Beerdigungsinstituts überfahren hatte. Oder vielleicht was vom Sperrmüll. Oder die Reste von dem davor.

„Weidenstümpfe, Ginsterhänge und der schwarze Wald am Mühlenbach.“ Russen. Die Russen, Schlangen im Steinbruch, an- und abschwellende Sirenen.

“Überfahrn! Überfahren!“ rief der Vater im Dorf vor der Kirche. Ein schwarzer Mann kam und führte uns hinunter zum Fluss. In einem alten, wackeligen Kahn ruderte uns der Mann über die Donau von Kelheimwinzer nach Saal zur Großmutter.

Lilien im Altwasser der Donau. Dort ist der Heini im Winter ertrunken. Und die kleine Annamaria eingebrochen. Ich war verzweifelt.

Anna Karenina. Ich war verzweifelt, weil Anna Karenina gesprungen ist.

Im kleinen westfälischen Provinznest Kirchlengern brannten für Vera Kartoffelfeuer und trat ein kleiner Teufel aus einem Gedicht und setzte sich zu uns.

Das Foto, auf dem ich am Steuer unseres Autos auf der Zufahrtsstraße nach Minden bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung zu sehen war, zeigte mich lachend, weil Vera gerade erzählt hatte, dass ihre Mutter mit einer Art Kampfhaube Wäsche gewaschen hat unten im Keller, im Waschraum ihres Mindener Hauses.

Eine Autofahrt ohne Führerschein durch die Wicklowmountains in Irland mit der Frau meines Schulfreundes. Ich nehme die Hand vom Steuer und schreie. Irgendwo bricht die Straße ab, aber da fahre ich schon mit dem Rad über einen Straßendamm zur Insel Römö. Dort rauschen hohe Pappeln in der Nacht. Zwei Augen schauen auf mich aus dem Dunkel einer halb geöffneten Tür.

Perlo peis. Wie aufgeregt ich war, als ich ein Telegramm bekam, dass „Perlo peis“ gemacht werden würde. Römö veränderte sich. Und irgendwann bekam ich die Brüste von der mit den Augen zu spüren.

Wir warteten im Warteraum des Standesamtes, dass uns jemand aufrief. Wir hatten einen Termin. Aber niemand rief. Wir hätten uns melden sollen.

Annas „Do`nt touch“. Oder „about a session“. Wie alle ihre Tanz-Performances unge-wohnt, kühn, eine Zumutung, genial.

Mein Herz klopfte und Vera hatte Tränen in den Augen als wir in Papeete das Flugzeug verließen und von vier singenden und Ukulele spielenden Frauen begrüßt wurden. Gauguins Tahiti gab es wirklich.

Das entsetzliche Warten, weil es Komplikationen gab, in der Frauenklinik bei der Geburt der Töchter. Beim Abitur in Mathematik habe ich einen Kreis ein wenig abgeflacht, damit er an einem gegebenen Punkt eine Gerade berührt. Ich dachte, das würde keiner merken.

Schuberts Streichquintett. Versinken in der singenden Wärme des Ofens. Mondlicht. „Der Idiot“ auf der Couch, Wölfe heulen im Steinbruch. Flüchtlinge, Neger, die Geigenlehrerin, Nägelbeissen, Lindenblütentee, Hausaufgaben, Soldaten, Juden, die Norweger Mütze, in der ich aussah wie ein Mädchen. Alles, alles versank am Nachmittag des ersten Weihnachtsfeiertages in Peterchens Mondfahrt.

 

 

 

 

 

 

 

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